30. Juli 2009

Die Sprachwissenschafterin Luise F. Pusch gilt als eine der wichtigsten Wegbereiterinnen für feministische Sprachpolitik. In einem Interview mit dieStandard.at aus Wien vertritt sie die Ansicht, die feministische Sprachkritik habe die Grammatik durchaus verändert. "Längerfristig bin ich für die Abschaffung des ´in´", sagt sie, und: "Das Maskulinum ist nicht mehr das, was es mal war."

Trotz Zeitungskrise glaubt Lionel Barber, der Chefredakteur der britischen "Financial Times", an Bezahlinhalte im Netz: "Ich sage mit Zuversicht voraus, dass fast alle Nachrichtenangebote innerhalb der nächsten zwölf Monate für Inhalte Geld verlangen werden", sagte Barber auf einer Veranstaltung in der British Academy in London. Wie Bezahlmodelle funktionieren werden und wie viel Umsatz sie generieren könnten, sei noch nicht sicher. Die komplette Rede (in englischer Sprache) ist bei Press Gazette nachzulesen.

Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Konzerns, will das "Springer-Tribunal" wieder eröffnen, das Studenten in Berlin 1968 nach seiner ersten Sitzung ergebnislos vertagt hatten. Aus diesem Anlass arbeitet Otto Köhler in der Jungen Welt detailliert die Geschichte der Berater des verstorbenen Verlegers auf und schreibt über Axel Springers engen Mitarbeiter Paul Karl Schmidt: "Nazi seit 1931, Träger des "Winkels für alte Kämpfer", hochrangiges Mitglied der SS und schließlich als Leiter des Presse- und Informationsamtes wichtigster Vertrauter von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Er organisierte in Konkurrenz zu Goebbels, aber nicht weniger fanatisch als der, einen eigenen Propagandaapparat und ein eigenes europaweites Verlagsreich des Auswärtigen Amtes." Im Spiegel "schrieb Schmidt (...) zeitgeschichtliche Serien, in denen er schon früh die Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand propagierte. (...) Der braune Propagandafachmann (tauchte) dann unter dem neuen Namen Paul Carell als Serienautor der Springer-Illustrierten Kristall auf. Er beschrieb den unentwegt ehrenhaften Kampf des deutschen Landsers gegen Rußland. Aus den Illustriertenserien entstanden Bücher des springereigenen Ullstein-Verlags in Millionenauflage, die das Bild der Deutschen von einer sauberen Wehrmacht bestimmten. Zuletzt war dieser hocherfahrene Fachmann Redenschreiber und persönlicher Sicherheitsbeauftragter des Verlagsherrn. (...) Die Reden, die Carell-Schmidt entwarf, übernahm Springer oft unverändert. (...) Auch die Redepassage, die dazu auffordert, zwecks "deutscher Wiedergeburt in voller Freiheit" die "Aussöhnung mit den Juden und die Hilfe für Israel als Teil der richtig verstandenen eigenen Politik zu begreifen", hat Schmidt für Springer formuliert. Eben der fanatische Antisemit Paul Karl Schmidt, der 1944 zur Vorbereitung des Abtransports der Budapester Juden nach Auschwitz im Auswärtigen Amt vorschlug, man möge doch "Sprengstoffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen" arrangieren, damit das Geschrei im neutralen Ausland nicht so groß sei."

14. Juli 2009

Es komme "nicht häufig vor in der Geschichte der Bundesrepublik, dass der Redenschreiber und Regierungssprecher eines SPD-Kanzlers anschließend als Regierungssprecher eines CDU-Kanzlers fungiert hätte. Und zwar zu beider Zufriedenheit. Doch die Große Koalition hat genau dies 2005 möglich gemacht", schreibt stern.de über Angela Merkels Sprecher Thomas Steg. Der wechselt nun erneut das Lager – und heuert mitten im Bundestagswahlkampf als Berater ihres Herausforderers Frank-Walter Steinmeier an.

9. Juli 2009

"Sind Sie ein Ghostwriter?", fragt das Medium Magazin mittels einer Checkliste alle, die herausfinden wollen, "ob diese Tätigkeit zum eigenen journalistischen Profil passt".

7. Juli 2009

Am 13. September richten ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ein Streitgespräch zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier aus, das parallel von allen vier Sendern übertragen wird. Die Süddeutsche Zeitung stellt Überlegungen zum Sinn und Unsinn politischer TV-Debatten an und gibt zu bedenken, man könne "ein Duell für überflüssig halten, in dem sich zwei Politiker beschimpfen, die vier Jahre gemeinsam regiert haben."


Wiglaf Droste "sagt über das alltägliche Mediengewäsch, was andere nur denken" – Henrik M. Broder lobt in Spiegel Online das neue sprachkritische Buch mit dem Titel "Im Sparadies der Friseure. Eine kleine Sprachkritik" (Edition Tiamat Berlin, 141 Seiten, 12 Euro).


Der selbst gegebenen Geschäftsordnung widersprechend, wird seit Langem im Bundestag nicht frei geredet, sondern vielfach vom Blatt abgelesen. Doch selbst das ist jetzt nicht mehr nötig: Neue Tagungsvorschriften erlauben, dass Reden ungehalten zu Protokoll gegeben werden und damit Diskussion und Öffentlichkeit entfallen. "So erledigt der Deutsche Bundestag Gesetze – und sich selbst", empört sich die Süddeutsche Zeitung. Damit erweise sich "das Parlament als Farce".


Wie eine Politikerrede an die Jugend auch klingen kann, macht NDR 2 in der Reihe "Münte" vor. Leider handelt es sich nur um eine Parodie.


Juni 2009


In der Zeit erstmals veröffentlicht: die Grabrede, die Paul Levi, Anwalt und Geliebter Rosa Luxemburgs, zu ihrer Beerdigung am 13. Juni 1919 hielt – eine flammende Durchhalteparole für die sozialistische Idee.


Die überraschend positiven Reaktionen auf den Parteitagsauftritt des SPD-Kanzlerkandidaten waren laut stern.de seiner "ungewöhnlich guten und mitreißenden Rede Frank-Walter Steinmeiers zu verdanken. Sie war so kunstvoll gespickt mit rhetorischen Kniffen, zitierbaren Sätzen und innerparteilichen Freundschaftsgesten, dass der Eindruck entstand, er habe seine Medienberater und Redenschreiber komplett ausgewechselt". Eine laut RP-Online "kämpferische, zutiefst sozialdemokratische Rede", "von der alle Sozialdemokraten danach von links bis rechts sagen werden, dass sie sehr gut bis „fulminant“ war", wie tagesschau.de befindet. Wer sich selbst ein Urteil bilden möchte: Auf der Homepage der SPD findet sich der Wortlaut nebst Videomitschnitt. Die Financial Times Deutschland porträtiert Steinmeiers Beraterstab, darunter seine Redenschreiber Stephan Steinlein und Ulrich Deupmann.


"Klassischerweise erfüllt eine gute Rede sieben Kriterien: Sie ist erstens interessant und informativ; zweitens klar und verständlich – das heißt, weg von den Phrasen. Außerdem ist sie persönlich und publikumsorientiert sowie viertens glaubwürdig und wahrhaftig. Es gibt schon zu viele „Katastrophen“, zu viele „Gipfeltreffen“, zu viel „Einmaliges“ und „Alternativenloses“. Fünftens: Sie ist bildhaft. Zudem lebhaft und abwechslungsreich – nicht ein Faktum nach dem anderen. Und siebtens ist sie humorvoll. Den letzten Punkt zu missachten ist die Todsünde vieler deutscher Redner." – Die VRdS-Präsidentin Minita von Gagern im Interview mit der Wirtschaftswoche.


Eine abweichende Meinung zu Barack Obamas Rednerqualitäten vertritt der Kommentator der Deutschen Welle: Er diagnostiziert nach dessen Auftritt in Kairo trocken "inhaltsarme Lyrik".


Die viel beachteten Auslandsreisen des US-Präsidenten werfen auch ein Schlaglicht auf seine Reden und deren Schreiber. Bei stern.de äußert sich der im Vergleich mit seinem vorgesetzten Kollegen Jon Favreau, 27, weniger bekannte, für die Außenpolitik zuständige Obama-Ghostwriter Ben Rhodes, 31, über Chef und Job; auch bild.de porträtiert Rhodes.


Das Wirtschaftsmagazin impulse gibt Tipps im Umgang mit Alkohol – beispielsweise wie man beschwipst eine Rede hält.


Wie steht es um die deutsche Sprache? Diese Frage interessiert nicht nur die Wissenschaft. Die Deutsche Welle berichtet über eine Umfrage, wie die Deutschen über das Deutsch denken.


Mai 2009


Der Ghostwriter schreibt – und der Kunde überlegt es sich anders. Welches Honorar ist trotzdem fällig? Gilt ein Schreibauftrag als "Werkvertrag", analog zu Handwerksarbeiten? Die Anwaltskanzlei Sawal informiert über jüngste Gerichtsentscheidungen.


April 2009


Die Online-Zeitschrift für Rhetorik und Wissenstransfer berichtet von den Ergebnissen einer Fachtagung u.a. zum Thema "Rhetorik in der Wirtschaft" und zitiert zwei Vortragende mit der Feststellung, zur Grundausstattung der in der Wirtschaft Erfolgreichen gehöre neben den unternehmerischen Qualifikationen vor allem die Kommunikationsfähigkeit.


Das musste ja so kommen: Über den Internet-Kurznachrichtendienst "Twitter" versorgen immer mehr Prominente ihre Fans mit Neuigkeiten – und nutzen dabei längst die Dienste von Ghostwritern, wie der Wiener Standard berichtet.


März 2009


Obama für Anfänger? Der Deutschlandfunk stellt eine Radioreportage über ein Rhetorikseminar für Politiker als Podcast sowie als direkten Download ins Netz.


Das Autoren-Portal Carta kritisiert die politische Rhetorik von Angela Merkel und Frank Steinmeier als Symptom grundsätzlicher Unfähigkeit: "Die Spitzenkandidaten finden keine klare und lebendige Sprache. Doch wer nicht leidenschaftlich redet, dem fehlt es am wichtigsten Mittel zur politischen Führung überhaupt. In der Krise ist dies ein schwer erträgliches Vakuum."


Februar 2009


Der Medienfachverlag Rommerskirchen suchte im Rahmen eines Wettbewerbs erstmals "Deutschlands besten Redenschreiber" – nun steht der Sieger fest: Der 37-Jährige Christoph Braner setzte sich gegen 135 Wettbewerber durch und gewann den mit 4000 Euro dotierten journalist-challenge 2008.


"Reden für eine neue Welt" hat der Berliner Redenschreiber und Rhetorikexperte, VRdS-Mitglied Hans Hütt, sein Rhetorik-Blog genannt. Ein Hauptthema: der unterhaltsame Vergleich der politischen Rede hier zu Lande mit der Redekunst, die uns derzeit in den USA begegnet.


Über den Prozess gegen einen windigen Promotionsberater berichtet Spiegel Online. Dessen Firma in Bergisch Gladbach half gegen Bares beim Wunsch nach einem akademischen Titel nach – angeblich "kein Titelhandel, kein Ghostwriting", dafür laut Anklage Bestechung.


Zum neuen regelmäßigen Auftritt des Papsts auf YouTube interviewt die Welt Eberhard von Gemmingen, Leiter von Radio Vatikan. Sein Rat: "Du kannst bei „Urbi et Orbi“ zweimal im Jahr über 100 Millionen Menschen ansprechen. Das sind ungeheure Chancen – die leider immer wieder leichtfertig verspielt werden, weil die Ansprachen einfach zu anspruchsvoll sind, zu hoch, zu fromm, nein, das nicht, aber zu anspruchsvoll. Sag\' es so, dass es die Leute gleich verstehen. Yes, we can! Und der Papst sowieso. Er kann und soll natürlich nicht so reden und sein wie Barack Obama. Aber nichts hindert ihn daran, sich Redenschreiber zu nehmen, die ihm seine Texte etwas herunterbrechen und gewisse Dinge wiederholen, dass sie sich besser einprägen. Das sollte er übernehmen. Nicht, dass er seine Texte liberalisieren oder gar – Gott behüte – verfälschen oder verdummen lassen sollte. Doch was er heute sagt – der doch selbst ein so faszinierend großer freier Redner ist – ist immer nur ein geschriebener Text, der ganz anders strukturiert ist als eine freie Rede. Das müsste und dürfte nicht sein."


Januar 2009


Der Faszination des US-Präsidenten erliegt der Autor der World Socialist Web Site nicht: "Seichte Plattitüden und der Ruf nach Sparpolitik" ist sein Beitrag überschrieben. "Nach Obamas Einschätzung trägt überhaupt niemand besondere Verantwortung für die tiefste Finanzkrise in der Geschichte des amerikanischen Kapitalismus. (...) Sein Verschweigen der Ursachen verrät ein erstaunliches Maß an Verachtung und Arroganz jenen gegenüber, die ihn unterstützen."


Der Amtsantritt Barack Obamas ist das politische Ereignis des Monats. Der Standard und das St. Galler Tagblatt widmen seinem Redenschreiber Jon Favreau Kurzporträts, die FAZ beleuchtet die Tradition der Inaugurations-Ansprache, Reuters erkennt "große Erwartungen an Obamas Antrittsrede". YouTube hält gleich mehrere Videomitschnitte vorrätig, Spiegel Online bringt den englischen Originaltext zum Nachlesen. Ebenfalls auf YouTube: eine witzige Parodie des SWR auf Obamas Berliner Rede 2008 an der Siegessäule – auf schwäbisch.


"Geschöpflichkeit" und andere Verrenkungen: Zum neuen Jahr empört sich der Stildozent Wolf Schneider in der Süddeutschen Zeitung über die Sprache von Weihnachtspredigten: "Die Bibel liest sich besser als die meisten Texte derer, die sie von Amts wegen auslegen." Und: "Mit aktuellen Themen konnte manche Weihnachtsbotschaft die Hörer vielleicht noch erreichen – mit der Sprache leider nicht."


"Jede Verhunzung des Deutschen tut mir weh." Gegenüber der Weltwoche führt Wolf Schneider Klage über den Verfall der öffentlichen Ausdrucksweise "im Sog von 1968".


Dezember 2008


Die Kür zum "Unwort des Jahres" steht wieder an. Der Welt gibt der Initiator der jährlichen Aktion, der Frankfurter Philologe Horst Dieter Schlosser, ein Interview über die Absicht dahinter.


Die nächste Feier kommt bestimmt: Das Hamburger Abendblatt erteilt Laien Ratschläge, wie sie ihre Zuhörer mit Worten begeistern können.


Wer hätte das gedacht? "Manager haben keine Lust mehr auf Englisch", hat die Welt beobachtet. "Die Managerriege, die in "Meetings" gerne "Sheets" verteilte, um das "Brainstorming" zu erleichtern, verabschiedet sich langsam von der englischen Sprache. Experten sprechen von einer regelrechten Verdrossenheit gegenüber der Anglisierung", heißt es in einer ausführlichen Würdigung des neuen Trends.


Besinnliches zum Jahresende: In Cicero macht sich Jürgen Busche Gedanken um die Frage "Stirbt die deutsche Sprache?".


November 2008


Das Internet-Lesermagazin Newbook bringt einen interessanten Hinweis: Die neue Webseite genderanalyzer.com behauptet, per empirischer Sprachanalyse herausfinden zu können, ob ein Online-Text von einem Mann oder einer Frau verfasst wurde – bislang nur in englischer Sprache, dafür aber mit verblüffenden Ergebnissen.


Politiker sollten Ihre Reden selbst schreiben, findet der Filmregisseur Volker Schlöndorff. In der Zeitschrift Cicero hält er ein Plädoyer gegen Plattitüden und für Authentizität. Als Negativbeispiel nennt Schlöndorff die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Jubiläumsfeier "10 Jahre Kulturstaatsminister" in Berlin: "Wäre es nicht angemessener, die Kanzlerin sagte frei, mit ihren eigenen Worten – wie sie es so wunderbar kann – ein paar Sätze zu ihrem Verständnis von Kultur und Wissenschaft, zum letzten guten Gespräch, das sie hatte, zu einem Buch, das sie gelesen, zu einer Musik, die sie gehört hat?" Zur Frage, wann Politiker bei nicht selten einem halben Dutzend und mehr täglichen Redeterminen ihre Manuskripte recherchieren und verfassen sollen, äußert sich Schlöndorff nicht.


Nach dem historischen Wahlsieg eines schwarzen Präsidentschaftskandidaten in den USA dokumentiert Spiegel Online Barack Obamas Dankesrede im Wortlaut sowie in deutscher Übersetzung.


Brillanz? Von wegen. "Der Teleprompter ermöglicht die Illusion der freien Rede", überschreibt die Süddeutsche Zeitung ihren ernüchternden Bericht über die keineswegs immer meisterhaften Vortragsleistungen von US-Politikern und deutschen Fernsehschaffenden. Die werden hier schlicht als "Ableser" betitelt.


Oktober 2008


"Die Reden sind sein wichtigstes Talent", befindet die Süddeutsche Zeitung über den schwarzen US-Präsidentschaftskandidaten in einer Würdigung seines charismatischen Auftretens – und der Vorteile, die es mit sich bringt. "Die Begeisterung über seine Worte setzt er in Geld um."


FAZ.net beginnt ein Künstlerporträt so: "Vor acht Jahren wurde der Berliner Künstler Christian Jankowski zusammen mit drei anderen für den "Preis der Freunde der Nationalgalerie" nominiert, für ein seltsames, aus der Zeit gefallenes Ritual: Vier Künstler sollen da gegeneinander antreten, als seien sie Olympiasportler und die Ästhetik ein Schwimmbecken. Der 1968 geborene Jankowski reichte daraufhin eine Arbeit ein, die eine surreale Poesie und Schönheit hatte und sich gleichzeitig über die Institution, in der sie zum Wettstreit antreten sollte, so krachend lustig machte, dass die Veranstalter eigentlich im sandigen Boden unter ihrem Museum hätten versinken müssen. Jankowski hatte vier professionelle Redenschreiber – Menschen, die unter anderem bei Beerdigungen sprechen – beauftragt, auf jeden der Wettbewerber eine Laudatio zu halten. Mit einem heiligen Ernst hatten diese Laudatoren alle greifbaren Floskeln des Sprechens über Kunst zusammengeschraubt und bewiesen, warum nur ihr Kandidat der wahre sei – und das eigentlich Erstaunliche war, dass man nicht über die unbeholfenen, kunstfernen Lobredner lachte, sondern über die absurde Situation des "Künstlerwettstreits", über die verbogene Sprache des Kunstbetriebs, die Kläglichkeit des Preises. Natürlich bekam Jankowski den Preis nicht."


"Heißes Herz und klare Kante" bescheinigt die taz dem neuen alten SPD-Chef Franz Müntefering. Die Beschreibung seiner Reden zitiert auch die VRdS-Präsidentin Minita von Gagern: Sie seien "im besten Sinne schlicht".


Das Berliner Internet-Magazin [030] widmet sich in einer Reportage dem beliebten Thema des wissenschaftlichen Betrugs. "Immer mehr deutsche Studenten setzen bei Hausarbeiten und Essays auf Copy/Paste und Ghostwriter."


Rolf Schneider stellt im Deutschlandradio Kultur über das "Debattenfeuilleton" und über die Konjunktur der Sprachkritik Überlegungen an. Letztere ist seiner Ansicht nach nicht nur hierzulande von Pessimismus geprägt: "In Frankreich wehrt man sich gegen Einflüsse des Angelsächsischen wie in Deutschland. Selbst der böse linguistische Bube, das Englische, muss sich wehren, nämlich gegen Einflüsse des Amerikanischen, wo man seinerseits gegen Einflüsse des Spanischen kämpft."


Telepolis befasst sich am Beispiel des Themas Bürgerrechte in einer inhaltlichen Analyse mit politischer Rhetorik: "Wolfgang Schäuble gilt als eloquenter Redner, manche halten ihn gar für einen Intellektuellen. Selbst Gegner Schäubles zollen ihm als politischem Schwergewicht Respekt. In der Tat gelingt es dem Bundesinnenminister durchaus, mit geschliffenen Worten den Eindruck zu erwecken, seine Politik sei das Ergebnis langer und reiflicher Überlegung. Doch wer genau hinschaut, erkennt, dass Schäuble vor allem so tut, als würde er argumentieren."


September 2008


"Er referiert seinen Text ohne Humor, ohne einen Ansatz von Selbstironie, die ihn früher auszeichnete. Das Lächeln erlischt ihm zweimal in über 50 Minuten so rasch, dass es zur Grimasse missrät." Was dessen rednerischen Qualitäten angeht, geht die Welt mit US-Präsidentschaftskandidat John McCain in ihrer Analyse hart ins Gericht. Auch die Basler Zeitung fällt ein vernichtendes Urteil: "stellenweise monoton".


Die Welt am Sonntag stellt Betrachtungen zur "hohen Kunst des Politik-Buchs" an – am Beispiel der angekündigten Bilanz des Ex-SPD-Chefs Kurt Beck.


August 2008


"Welche Reden haben Sie besonders beeindruckt? Wie groß ist der Einfluss der Rhetorik auf Menschen und Kulturen heute? Diskutieren Sie mit!" – Die Zeit Online eröffnet ein Forum zur Frage "Können Reden die Welt verändern?"


Kann es nur einen geben? In einer ZDF-Talkshow trafen die Stilpäpste Wolf Schneider und Bastian Sick aufeinander, was die Welt zu süffisanten Bemerkungen inspiriert.


Das Handelsblatt gibt Tipps fürs Redenschreiben. Der wichtigste zuerst: "Fassen Sie sich kurz!"


Barack Obamas "Ghost" und dessen jugendliches Alter faszinieren nun auch Focus Online. Das Porträt des ehemaligen Praktikanten von John Kerry erhellt, wie Jon Favreau zu seiner Position als wichtiger Politik-Berater kam, "obwohl ich darin gar keine Erfahrung hatte".


Juli 2008


Barack Obama hat gesprochen. Spiegel Online dokumentiert sein englisches Manuskript im Wortlaut.


Barack Obamas bevorstehende Berliner Rede bewegt weiter die Gemüter. Der Tagesspiegel verrät in einem neuerlichen Porträt die Erkenntnis seines Redenschreibers Jon Favreau: Das Geheimnis von Obamas Erfolg liege nicht in genialen Sätzen.


Der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama wird bald Berlin besuchen. Wo wird er sprechen? Was wird er sagen? Mitten hinein in die wachsende Aufregung um den Termin zitiert der Tagesspiegel ironisch sein Heimatblatt "Chicago Sun-Times" mit dem Vorschlag: "Ich bin ein Obama!"


Juni 2008


Die Welt stellt Betrachtungen über die Macht des Liebesbriefs an und die Kunst, einen solchen zu verfassen. Oder verfassen zu lassen, denn "schon seit Langem boomt das Geschäft der Ghostwriter, die helfen, in einem Liebesbrief die richtigen Worte zu finden".


Kritik an Bastian Sick: Jan Georg Schneider vom Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft (ISK) an der RWTH Aachen geht mit dem populären "Sprachpfleger" und Bestsellerautor hart ins Gericht und wirft ihm unter anderem das Ignorieren der natürlichen Sprachveränderungen vor, diffuse Qualitätsbegriffe und Ideologie, die fehlende begriffliche Trennschärfe ersetzt. Schneiders Beitrag "Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick" aus der Zeitschrift "Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur" ist in PDF-Form als Download verfügbar.


"Viele Russen lassen sich ihre Arbeiten schreiben", so ein Deutschlandfunk-Bericht zum Thema wissenschaftliches Ghostwriting in Russland, das dort so illegal ist wie hierzulande. Nebeneffekt: "Arme Studenten und Lehrer bekommen die Möglichkeit, Geld dazuzuverdienen."


"Viel Folie um nichts"? Die Süddeutsche Zeitung sorgt sich um die Vortragskultur und gibt in einem hilfreichen Beitrag zum Thema Power-Point-Präsentationen Tipps für eine erfolgreiche Präsentation.


Zeit Online: "Manchmal sehen die Jüngeren älter aus als die Alten", stellt "hagego" in einem Leser-Kommentar fest. Und fragt: "Warum fällt geradezu auf, dass uns Hildegard Hamm-Brücher, Helmut Schmidt, Heiner Geißler, Norbert Blüm mehr zu sagen haben als noch aktive Politiker?"


"Kurt Beck ist der Albtraum seiner Redenschreiber. Ihre Reden hält er nie, ihre Ideen nutzt er selten. Wenn Beck ablese, sei das eine Katastrophe, erklären Vertraute seine Missachtung der Schreiberkunst. Jedenfalls weiß Beck die artikulierte Rede, die rhetorische Figuren nutzt und Spannungsbögen aufbaut, nicht zu schätzen." – Die FAZ widmet eine Art Rezension der Rede, die der SPD-Vorsitzende auf dem Konvent seiner Partei hielt.


Mai 2008


Am liebsten würde er Autobiografien verfassen, stattdessen schreibt er Doktorarbeiten – die Berliner Zeitung beschreibt in einem Porträt einen ihrer Inserenten als einen Menschen, der ein guter Geisterschreiber sein, aber nicht betrügen will.


Unternehmenskommunikation und wie sie schiefgehen kann: Der finnische Handyhersteller Nokia sei bei der Ankündigung, dass 2300 Stellen in Deutschland gestrichen werden, "naiv" gewesen, räumt dessen Personalvorstand gegenüber der Financial Times Deutschland in einem Interview zur darauf folgenden Imagekatastrophe für das Unternehmen ein. Der "ehrliche Ansatz" werde aber beibehalten.


Die FAZ und die "Schwarz"arbeit: "In diesem Frühjahr haben gleich drei "Neger", wie man Ghostwriter in Frankreich nennt, Bücher über ihr freiwilliges Sklaventum veröffentlicht" – ein "schwerer Schock für die Republik des Geistes". Die Redaktion gibt einen Überblick über die Skandalveröffentlichungen.